Brücken sind Konstruktionen, welche die sichere Überquerung natürlicher Hindernisse gewährleisten. In der Geschichte wurden sie mit vielen Bereichen menschlichen Lebens in Verbindung gebracht: sie erfüllen wesentliche wirtschaftliche, militärische und soziale Funktionen, repräsentieren die Errungenschaften von Bautechnik und zeugen vom Entwicklungsstand öffentlicher Baukunst. Brücken demonstrieren die politische und ökonomische Macht ihrer Erbauer und tragen sakrale und mythologische Bedeutungen. Daher bilden die Untersuchungen von Brücken wichtige Beiträge für unser Verständnis der sie nutzenden Gesellschaften. Angesichts ihrer sozialen Bedeutung ist es erstaunlich, dass byzantinische Brücken wenig wissenschaftliche Beachtung gefunden haben. Diese Tatsache ist besonders bedauerlich, wenn man bedenkt, dass viele Monumente auf ehemals byzantinischem Territorium von Zerstörung bedroht oder bereits zerstört sind, während sie nur unzureichend dokumentiert wurden.

Projekt

Dieses Projekt stellt die erste umfassende Untersuchung byzantinischer Brücken dar, die alle erhaltenen materiellen Zeugnisse auf dem Balkan und in Kleinasien vom 4. bis zum 15. Jahrhundert erfassen wird und diese öffentliche Bauwerke unter Verwendung von zeitgenössischen schriftlichen und bildlichen Quellen kulturell kontextualisiert. Die bis jetzt untersuchten materiellen Zeugnisse zeigen, dass die Byzantiner innovative Techniken, wie den Segmentbogen, im Brückenbau eingeführt haben, und damit ähnliche Entwicklungen in Westeuropa um Jahrhunderte vorausnahmen. Erste Auswertungen von schriftlichen und bildlichen Quellen weisen darauf hin, dass die Byzantiner ein besonderes, mehrdimensionales Verständnis von Brücken besaßen, das mit ihrer Weltanschauung korrespondierte.

Den Kern des Projektes bilden die Dokumentation und die Analyse der Brückenbautechniken. Die Möglichkeit aufgrund technischer Merkmale einige Strukturen umzudatieren und umzuordnen, bereichert unser Wissen über Macht, Handel und Austausch auf dem Balkan und in Kleinasien in der Zeit des Mittelalters. Dabei bietet die Untersuchung der Brückendekoration zusammen mit dem Brückenmotiv in zeitgenössischen Texten und Darstellungen neue Erkenntnisse über die byzantinische Gesellschaft, bereichert unser Verständnis über die politischen und religiösen Bedeutungen dieser säkularen Monumente sowie über die Art und Weise wie Religion das Alltagsleben durchdrang und bestimmte.

Anders als bisherige Studien der byzantinischen Kultur, die sich meistens auf Aspekte der Kennerschaft oder Beschreibung der Monumente beschränkten, wird dieses Projekt eine vollständige Analyse der Brücken liefern, die auch ihre strukturellen, dekorativen und symbolischen Aspekte umfasst. Sie wird die Wichtigkeit dieser bestimmten Kategorie von Monumenten als neuen Zugang zu der byzantinischen Welt und ihre architektonische und kulturelle Mission beleuchten und hervorheben. Die wissenschaftliche Untersuchung der byzantinischen Brücken wird darauf hinweisen, welchen Stellenwert diesen als Architekturerbe zukommt und dadurch das historische Bewusstsein der lokalen Anwohner und Besucher stärken und erwecken. Überdies wird sie einen wesentlichen Beitrag zur Dokumentation und Erhaltung der schnell verschwindenden historischen Monumente im östlichen Mittelmeerraum liefern.

Kontakt

Projektleiterin

Dr. Galina Fingarova
Elise Richter Senior Postdoc

galina.fingarova[at]univie.ac.at

Institut für Kunstgeschichte
Universität Wien
Garnisongasse 13, Universitätscampus Hof 9
1090 Wien
Österreich